Text: Peter Peuker
Fotos: Karin Simke und Peter Peuker

Seit der Rückkehr aus Schweden sind erst wenige Wochen vergangen. Das Erlebte ist also noch recht frisch und darum beginne ich am Besten, auch wenn es gelegentlich ein bisschen Überwindung kostet, mit dem Schreiben des Tourenberichtes. Ab und zu komme ich an den Punkt, dass es eigentlich doch viel bequemer wäre, lediglich die Fotos von der Tour mit einer kurzen Bildunterschrift als Tourenbericht zu veröffentlichen. Bequem, da man die Erlebnisse nicht auch noch in eine Erzählform niederschreiben muss. Erlebbarer macht so einen Reisebericht meines Erachtens aber erst das geschriebene Wort. Entscheiden könnt ihr ja selbst, ob Bilder ausreichen oder das Ganze darüber hinaus auch lesenswert ist. Über ein Feedback würde ich mich freuen.

1. Teil

Hin wandern und los paddeln

Neben dem Paddeln haben Karin und mir das Wandern in den letzten Jahren als Outdooraktivität viel Spannung und unvergessliche Erlebnisse gebracht. Warum also beides nicht mal mit einander verbinden? Als erfahrene Nordlandfahrer fiel es uns nicht schwer, in Schweden ein geeignetes Revier für diese Kombination zu finden. Bedingungen hierfür waren: ein paddelbares Seensystem in dessen Nähe sich Wanderpfade durch die Fjällwelt Skandinaviens ziehen und außerdem sollte das Abenteuer möglichst als Rundtour machbar sein. Zuerst fiel uns da das Rogenseengebiet in Härjedalen ein, aber da waren wir ja bereits 2006 unterwegs. Schöner ist es, hin und wieder etwas Neues zu erkunden, obwohl wir natürlich gerne zu den besonders schönen Plätzen vergangener „Abenteuer“ zurückkehren. Und wir entschieden uns dann auch für eine Region, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Rogenseengebiet liegt.
„Hin wandern und los paddeln“ war das Motto unserer Tour. Natürlich hätten wir uns für das entsprechende „Kleingeld“ auch mit dem Helikopter von Grövelsjön aus einfliegen lassen können. Aber wir wollten uns jeden Meter aus eigener Kraft verdienen.

Tourenkarte:

(Mehr Informationen? Klicke auf die Karte!)

Verzögerung beim Aufbruch

Nach einigen Tagen der Akklimatisierung in den Wäldern Värmlands brachen wir an einem herrlich sonnigen und ziemlich warmen Montag im Juli in den Norden der schwedischen Provinz Dalarna auf, um dort unsere Tour zu starten.


unser Camp im Glaskogen, Värmland

Wie wir aus dem Internet erfuhren wurde Deutschland in diesen Tagen mit Temperaturen von 38° C „gar gekocht“. Schön, hier im „kühleren“ Norden zu sein. Gleichzeitig war bei dem Gedanken an die Zukunft in Sachen extremer Wetterereignisse in Deutschland und anderswo aber auch ein unterschwellig flaues Gefühl vorhanden. Die 2-Tagesprognose hinsichtlich der zu erwartenden Niederschlagsmengen in der Zielregion um Grövelsjön sah wirklich nicht besonders ermutigend aus. Im Vertrauen auf die Richtigkeit der Vorhersage entschieden wir, wie sich später zeigte genau richtig, erstmal auf dem Zeltplatz in Idre einen Zwischenstopp einzulegen. Idre (südsamisch: Eajra ) ist übrigens im Land der Sami die südlichste Samengemeinde (sameby) in der Rentierwirtschaft betrieben wird. Etwa 2000 Rentiere, Kälber nicht eingerechnet, wandern hier durch die Fjällregionen von Eajra/Idre.
Dienstagmorgen gab es dann wie vorhergesagt ein heftiges Gewitter und am Nachmittag fielen bei einem Starkregen wenigstens 35 mm Niederschlag in einer Dreiviertelstunde. Das ist ganz ordentlich!


Mehr hätte es nicht werden dürfen.

Weil wir wegen der Startverzögerung schon ganz kribbelig waren, wurden am Abend die Rucksäcke gepackt. Unser Elan beim Packen war nicht besonders überschwänglich, denn irgendwie ist man bei solch einem Outdoorurlaub immer am Einpacken, Auspacken, Zurückpacken und Umsortieren. Wirklich Spaß macht das nicht.

Von Fehlprognosen, netten Bekanntschaften und einem Happyend

Eigentlich sollte der Mittwoch laut Wetterbericht ein Tag sein, an dem sich Sonne und Wolken am Himmel abwechseln. Auf der Fahrt rauf in die Fjällwelt ist davon aber keine Spur zu sehen. Düsterer Himmel und trübes Nieselwetter sind unsere Begleiter. Tief hingen die Wolken und verdeckten die Berge ringsum. Uns wurde wie schon so oft klar, worin tatsächlich die Bedeutung einer Wetterprognose besteht.
In Grövelsjön angekommen bogen wir vor der Fjällstation Richtung Sjöstugan ab, parkten dort das Auto, schmissen uns die Rucksäcke auf die Rücken und brachen ohne weiteres Zögern auf.


Der Aufstiegsweg ins Fjäll ist bei der Anfahrt gut zu erkennen.


Jeder von uns muss seine Last zum Gelingen der Tour tragen.

Das Tagesziel ist das 9 oder 10 km entfernte Sylen. Kontinuierlich aber moderat geht es zunächst etwa zweidrittel des Weges von ca. 760 m auf 1060 m ü. NN bergan. Einige Tagestouristen kommen uns entgegen, von denen viele einen Hund dabei haben. Da unsere Laika-Hündin in letzter Zeit auf ihre Weise recht dominant auf fremde Artgenossen reagiert, heißt es für mich: Achtung, Abstand halten!
Bald beginnt es zu nieseln, was den Einsatz von Regenjacken und Rucksackregenhüllen erfordert. Oben am Pass, zwischen den Bergen Sjöhöjden und Salsfjellet angekommen, begegnen uns drei taffe Herren aus dem südschwedischen Småland. Das geschätzte Gesamtalter der drei liegt bestimmt über der Marke von 190 Jahren. Zwischen uns entflammt ein Gespräch über Gott und die Welt, von Henning Mankell, Stieg Larsson, Anne Holt, schwedischen Schauspielern wie Noomi Rapace, Mikael Nyqvist, Reiseziele der Schweden, Outdoorausrüstung, schwedische Nationalparks bis hin zur Wolfslizenzjagd in Schweden. Letzteres hat mich als bekennender Wolfsfreund natürlich besonders interessiert ( www.AmarokTV.de ).


Smalltalk am Pass, Englisch, Schwedisch, Deutsch – man versteht sich gut.

Nach der überaus unterhaltsamen Smalltalkpause geht es mental und physisch gestärkt Sylen entgegen. Bald eröffnete sich uns der Blick hinab auf den Bergbauernhof „Ryvang Gård“ in Sylen und auf den norwegischen Teil des Sees Grövelsjön. Vor dem Etappenziel gibt es einen steinigen und einigermaßen steilen Abstieg zurück auf die Ausgangshöhe von 760 m.

Blick auf das Nordende des Grövelsjön und Sylen
(Panorambild - Klick!)


Am Nordende des Grövelsjön finden wir in exklusiver Seelage einen akzeptablen Stellplatz fürs Zelt. Nach kulinarischer Stärkung durch eine Waldpilzsuppe und Polarbröd belohnt uns der erste Tourentag mit blauem Himmel und tief stehender Abendsonne, die das einzigartige Licht des Nordens bringt. Das kann man wohl Happyend des Tages nennen.


am Grövelsjön


Zeltplatz mit Fjällpanorma, Blickrichtung nach Süden


Zeltplatz mit Fjällpanorma, Blickrichtung nach Norden


Prachttaucher aus Nahdistanz


nach dem Auftauchen


D
éjà-vu im Fjäll

Der Morgen grüßt mit bedecktem Himmel und einigen Kommandos durstiger Moskitos und Knotts. Dank Mygga können wir uns gegenüber den Plagegeistern des Nordens erwehren. Am Bach Röa (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Abfluss aus dem Rogensee) nehmen wir ein Outdoor – Frühstück zu uns. Das Tagesziel ist das Fischcamp am See Hävlingen (Hävlingsstugorna) und liegt so ca. 12 km entfernt. Nach einer Passage durch Fjällbirkenwald folgt ein etwas steilerer Anstieg von 800 m auf 940 m. Dabei begleitet uns wieder mal leichter Regen. Oben angekommen klart der Himmel auf und im weiteren Tourenverlauf präsentieren sich einmalige Ausblicke in den Femundsmarka Nationalpark auf norwegischer und später ins Långfjället Naturreservat auf schwedischer Seite.

Markant erhebt sich der Gipfel des Grøthogna (1.401 m ü. NN) aus der Fjälllandschaft.
(Panoramabild - Klick!)

Heute liegt so ein aromatischer Kräuterduft im Fjäll, der eine neue Erfahrung für Karin und mich ist. Bei mir ruft dieses Aroma so ein kleines „Déjà-vu – Gefühl“ mit Erinnerungen an sorglose Kindertage im elterlichen Garten hervor.


Der See Grötvallsjön. Oberhalb des Sees befindet sich eine Rengärde.
Das ist ein Gatter, in das die Sámi ihre Rentiere zur Kennzeichnung der Kälber und
zum Aussortieren der Schlachttiere treiben.

Nach etwa dreiviertel der Wegstrecke blicken wir runter ins Tal auf den Hävlingen. Ein durch Felsen windgeschütztes Plätzchen, mit herrlicher Aussicht über die Berglandschaft und den See, lädt uns auf eine längere Pause vor dem Weg nach unten ein.


"Da unten liegt unser Paddelgebiet."


Blick runter zum Hävlingen


" Nu finns det en kopp te ."


Das Tagesziel schon vor Augen - letzte Pause im stürmischen Fjäll.


"Packesel sein ist zwar nicht so toll. Schlimmer wäre es aber, wenn die beiden mich zu Hause gelassen hätten."

 

 


Mückenbusch, hohe Wellen und Wolkenbruch

Mit dem Erreichen der Baumgrenze beim Abstieg gelangen wir zunächst in einen märchenhaften Fjällbirkenwald. Eine entgegenkommende ziemlich redselige Wandergruppe warnt uns vor dem Mückenparadies an den Hütten des Fischcamps. Naja, wir sind nicht so mückenempfindlich und haben darüber hinaus die Anti-Moskito-Waffe „Mygga“ griffbereit in den Beintaschen.


Die Fjällbirkenwälder besitzen für die Flora und Fauna im Norden Skandinaviens einen besonderen Stellenwert. Die Sámi
haben aus dem Holz der Fjällbirke (bot. Betula pubescens ssp. czerepanovii) und deren Rinde Gebrauchsgegenstände wie
z.B. Geschirr, Behältnisse, Griffe für Werkzeuge und Schmuck hergestellt. Seit einigen Jahren untersuchen Wissenschaftler
u.a. den Einfluss des Klimawandels auf diese Birkenwälder des Nordens.


an den Hävlingsstugorna /Fischcamp am Hävlingen

Am Hävlingen angekommen schiebt der Wind eine ordentliche Welle über den See. Nur Superhelden und Greenhorns würden bei diesem Seegang ins Open Canoe steigen und los paddeln. Was macht man da? Genau. Abwarten! Als nächstes Problem kommt das Auffinden eines geeigneten Standplatzes für das Tunnelzelt auf uns zu. Felsblöcke liegen überall dicht gepackt und dazwischen stehen Kiefern und Birken im hügligen Gelände. Nee, da ist nichts zu machen. Eine Alternative wäre wieder rauf ins Fjäll zu wandern. Diese Entscheidung fällt aber zu Gunsten einer viel bequemeren Variante weg. Neben den Hütten, die vor allem den Anglern vorbehalten sind, gibt es auch eine Wandererhütte mit 8 Betten. Für 145 SEK/Person bekommen wir ein festes Dach über den Kopf und dazu ein lauschiges Bettchen. Die Bequemlichkeit hat dann also doch wieder mal gesiegt. Der Hang zur „Bequemlichkeit“ war sicherlich ein entscheidender Aspekt für die erfolgreiche Anpassung des Menschen in seinem Überlebenskampf gegen die Naturgewalten.


Draußen schüttet es, doch wir ...


... sitzen gemütlich im Trocknen.


Packen für die Kanutour.

Später wird noch ein wandernder Student Gast in der Hütte. Ansonsten bleiben wir unter uns. Der Abend bringt einen kräftigen Wolkenbruch. Ach wie schön behaglich trocken ist es doch in so einer Hütte.


Das
Långfjäll Naturreservat

(Panoramabild - Klick!)

Zusammen mit dem Rogen Naturreservat auf schwedischer Seite und dem Femundsmarka Nationalpark in Norwegen gehört das Långfjäll Naturreservat zu einem der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete Skandinaviens. Abgerundete kahle Bergrücken, einige markante Gipfel und Täler in denen schmale Seen liegen, die sich über Bäche und kleine Flüsse entwässern, entsprechen der Charakteristik dieser skandinavischen Fjälllandschaft. Die von Fjällbirken gebildete Baumgrenze liegt bei etwa 850 m ü. NN.
Fast 69.000 ha ist das Långfjällets Naturreservat groß und erreicht damit beinahe die dreifache Flächengröße des ersten deutschen Nationalparks „Bayerischer Wald“. Die Eiszeit gab dem Gebiet ihr heutiges Aussehen. Eine Besonderheit sind die so genannten „Rogen-Moränen“. Diese steinigen Ablagerungen von eiszeitlichen Gletschern sind als langgestreckte Wälle, zahllose Inseln und Halbinseln in der Landschaft gut erkennbar.


"Rogen-Moräne"

Die Vegetation an den Seeufern ist vor allem von knorrigen, kurzstämmigen Kiefern geprägt. Weiterhin finden sich Fjällbirken und kleine bodennahe Gehölze skandinavischer Heidegesellschaften. Die Dichte des Baumbestandes lässt sich als locker bezeichnen, was für die Region hier sehr typisch ist. Auf Grund der nährstoffarmen Böden und der relativ kurzen Vegetationszeit ist das Gebiet arm an Pflanzenarten und somit auch an Tierarten. Besonders erwähnt werden muss die Vielzahl von Felsblöcken im Bereich der Seen.


Im Bereich der Seeufer ist die Kiefer die vorherrschende Baumart.


Einzelne Baum-Exemplare sollen sogar auf ein Alter von etwa 500 Jahre kommen.


Totholz hat als Kleinstlebensraum, z.B. für Insekten, in diesem sensiblen Ökosystem
eine wichtige Bedeutung
und ist darum nicht für die" Brennholz-Gewinnung" geeignet.


Abgestorbene Bäume sind markante und geschützte Landschaftsbestandteile im Långfjäll .

Genau im Schnittpunkt dieser Schutzgebiete, im Dreiländereck der Provinzen Dalarna (S), Härjedalen (S) und Hedmark (N), befinden sich von Süden nach Norden aufgereiht die Seen Särsjön, Hävlingen Klacken, Nedre Grötsjön, Övre Grötsjön und Stor-Våndsjön. Die Gesamtlänge der Seenkette liegt zwar nur bei etwas weniger als 20 km, aber Inseln, Buchten, die umliegende Landschaft und das Vorkommen von Forelle, Saibling & Co. machen das Gebiet u.a. zu einem attraktiven Paddel- sowie Angeleldorado.

2. Teil

Ein traumhaftes Plätzchen

Am nächsten Morgen hatte sich der Wind gelegt und die Wellen auf dem Hävlingen etwas geglättet. Beim Wart des Fischcamps mieten wir uns ein Kanu Typ „Trapper“, verstauen in die mitgebrachten wasserdichten Packsäcke unsere Wechselklamotten sowie andere wichtige Utensilien und brechen Richtung Norden auf.


Das Team ist startklar.


Mit dem Kanu auf dem North Trail.


Felsblöcke und Steine am und im See erfordern unsere Aufmerkasamkeit.

Da das Zelten nur an bestimmten Lagerplätzen erlaubt ist, paddeln wir zunächst zu dem am Nordende des Hävlingen auf der Karte ausgewiesenen Platz.
Gegen Mittag kommen wir am Lagerplatz in einer kleinen windgeschützten Bucht des Hävlingen an. Dieser ist echt traumhaft. Selbstverständlich in erster Linie wegen der bereits beschriebenen Landschaft. Über den Baumkronen erhebt sich der Höhenzug des über 1000 m hohen Hävlingskläppen.




Das sieht doch sehr "einladend" aus.

Ein traumhaftes Plätzchen!
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Kaum zu glauben ist die Ausstattung des Lagerplatzes. Es gibt eine Wetterschutzhütte, ein Holzlager mit Sägebock, Säge, Axt und Plumpsklo. Am Seeufer befinden sich Feuerstelle, Sitzbank und Tisch. Das Problem der Stellplatzsuche fürs Zelt stellt sich uns hier nicht. Vielmehr müssen wir entscheiden welcher der am schönsten gelegene ist.

Nachdem unser Basislager aufgebaut und Mittag gegessen wurde, brechen wir zur weiteren Erkundung der Seenkette auf.


Richtung Stor-Våndsjön mit kleinen Überraschungen

Klacken, so heißt der nächste See. Der Höhenunterschied zum Hävlingen ist ganz bequem über eine Bootsrutsche zu überwinden. Am Abfluss aus dem Klacken befindet sich der nächste offizielle Lagerplatz. Er ist nicht besetzt.

Der kleine See ist schnell durchpaddelt. Auch hier befindet sich ein schön gelegener Lagerplatz. Von weitem erkennen wir ein Ruderboot und ein grünes Tunnelzelt. Das nördliche Ufer erinnert wegen der überaus dicht abgelagerten Felsblöcke von weitem eher an einen Steinbruch.


Fjällblick vom Klacken

Mittlerweile haben unser Kanu und wir schon zweimal Bekanntschaft mit den ebenfalls am Seegrund bis knapp unterm Wasserspiegel reichenden Hinkelsteinen schließen müssen. Diese Unterwasserhindernisse liegen zum Teil weit ab vom Ufer. Also dort wo man mit ihnen „normaler Weise“ nicht rechnen würde. Uns sind die „gemeinen Steine“ durch vorangegangene Nordlandtouren selbstverständlich nicht unbekannt. Es erschreckt uns dann aber doch immer wieder, wenn das Kanu unverhofft sowie unwirsch gestoppt wird und die Besatzung aus dem Gleichgewicht gerät. Wolkenspiegelungen oder blendendes Sonnenlicht auf der Wasseroberfläche erschweren häufig das rechtzeitige erkennen der Steine. Das Motto heißt: Hab acht und gegebenenfalls langsam paddeln!
Am Übergang zum Nedre Grötsjön wartet eine Überraschung auf uns. Beim Studium der topografischen Karte hatte ich dort etwas von „Båtdrag“ gelesen. Auch findet sich eine Darstellung die irgendwie an einen Schienenweg erinnert. Was „Båt“ heißt ist ja klar, aber „drag“. Ich kenne das schwedische Wort für Ziehharmonika „Dragspel“. Demnach müsste es irgendwas mit „Boot ziehen“ zu tun haben. Und richtig, hier mitten im Fjäll wurde eine etwa 400 m lange Bootsschleppe aus Holz zwischen beiden Seen durch sumpfiges Gelände gebaut. Erstaunlich welch Aufwand betrieben wurde. Wie viele oder vielleicht besser wie wenige Boote werden hier wohl in der Saison rübergezogen? An beiden Seiten der Schleppe liegen für den Transport Bootswagen bereit.


Hier ist gerade Frauenpower angesagt.


"Kaum zu glauben." ...


... Aber wahr. Welch ein Komfort! ...


... Und der Bootswagen steht auch schon bereit.


Los gehts.


Die Portage zum Nedre Grötsjön war damit ein Kinderspiel.


Wildnis, Inseln, Buchten, Berge - was erwartet uns auf dem nächsten See?

Nach entspannter Portage machen Karin und ich am Südufer des Nedre Grötsjön eine kurze Pause und genießen das Panorama der rauen Landschaft des Nordens. Abgesehen von den Fotos die wir machen, bleiben diese Bilder in unserem Gedächtnis abgespeichert und dort für einen langen Zeitraum abrufbar. Das ist unsere Seelenmedizin.

Nedre Grötsjön
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Lagerplatz am Nedre Grötsjön

Der Übergang zum Övre Grötsjön erfolgt ohne Hindernisse und schon bald kommen wir am Zufluss des Stor-Våndsjön an. Die topografische Karte weist hier aber einen Fehler auf. Beide liegen demnach auf 783 m ü. NN. Aber der Stor -Våndsjön liegt wenigstens um einen Meter höher, so dass ein kleines Stromschnellchen am Zufluss vorhanden ist. Aber auch dessen Überwindung ist dank vorhandener Bootsrutsche kein Problem.


Abfluss des Stor Våndsjön

 

Markant erhebt sich der Gipfel des 1001,9 m hohen Våndsjögusten. Dort oben befindet sich „Riksröse 144“, ein Steinhaufen (Steinmännchen)
der genau das bereist erwähnte Dreiländereck markiert.
(Panoramabild - Klick!)


Es gibt eine Stille, in der man meint,
man müsse die einzelnen Minuten hören,
wie sie in den Ozean der Ewigkeit hinuntertropfen.

(Adalbert Stifter)

 

 

Der Wind hat inzwischen wieder ordentlich aufgefrischt. Unser Ziel war es, die Hütte am Stor-Våndsjön zu erreichen. Aber das Risiko, wegen hoher Wellen hier fest zuhängen, wollen wir nicht eingehen und entschließen uns daher zur Umkehr. Auf dem Övre Grötsjön setzten wir dann noch mal so richtig derb auf einem der gemeinen Steine auf und hängen fest. Zum Glück ist der Stein aber groß genug, so dass ich mich mit einem Fuß darauf stellen kann, um das Boot zu entlasten und runter zu schieben. Solche Unternehmungen halten eben immer Überraschungen bereit und diese machen die Angelegenheit überhaupt erstmal interessant.
Am frühen Abend treffen wir wohlbehalten am Basiscamp ein.

Eine unverhoffte Gourmetmahlzeit

Keine halbe Stunde nach unserer Ankunft fährt ein Ruderboot in die Bucht ein. Zwei Schweden im reifen Mannesalter entsteigen dem Boot und begrüßen uns freundlich. Im Gespräch erfahren wir, dass sie bereits seit über 30 Jahren hier Angelurlaub machen. Mit dem Helikopter geht es morgen wieder zurück nach Grövelsjön, denn ihr Urlaub ist leider zu Ende. Inzwischen habe ich ein Feuer entfacht, das hebt die Stimmung und gehört zu so einem Abend in der schwedischen Wildnis einfach dazu.


Immer in Bewegung bleiben, ...


... um dann den Tag gemütlich ausklingen zu lassen.

Als uns einer der beiden Nordmänner eine von ihren gefangenen Lachsforellen anbietet, strahlen wir bis über beide Ohren. Sie berichten über das besondere Verfahren, mit dem sie ihren Fang haltbar machen und würzen. Im kalten Wasser einer Quelle, die aus den Bergen ausgewaschene Mineralien runter transportiert, werden die Fische eingelegt. Filetiert und dann über dem Feuer zubereitet ist dieser Gourmetfisch der krönende Abschluss des Tages. Lecker!


Bei diesem Anblick tropft der Zahn.


Unser bisher schönster Grillplatz.



Noch etwas Geduld.


Dinner for two in Traumkulisse.

Mit blauem Himmel und stimmungsvollem Sonnenuntergangslicht verabschiedet sich der Tag. In der Bucht sind Fische auf der Jagd nach Insekten an der Wasseroberfläche sehr aktiv. Immer wieder wird die Stille des Abends von den klatschenden Geräuschen dieses Treibens unterbrochen.
Im Schlafsack drängt sich mir später zwangsläufig eine Frage auf: „Warum hast du eigentlich keine Angel dabei?“



 

 

 

3. Teil

Rolling home mit steifer Brise

Nach unruhigem Schlaf erwachen wir sehr zeitig am Morgen. Das Wetter ist offensichtlich noch sehr unentschlossen. Am Himmel herrscht ein Wolkenmix in verschiedenen Grautönen, von hell bis ziemlich finster und dazwischen lugt auch mal ein ganz bisschen Blau hervor.
Unser Tagesziel ist der auf der Karte südlich vom Hävlingen eingezeichnete Lagerplatz am Särsjön. Bereits um 7:30 Uhr legen wir mit dem Kanu ab. War der See in der Bucht noch gezähmt, präsentiert er sich, als wir auf die offene Wasserfläche gelangen recht ungestüm. Das Paddeln ist bei diesen Wellen zwar noch nicht unangenehm, aber es ist wiederum auch kein entspanntes Vorankommen. Der etwa nur einen Kilometer breite, aber lang gestreckte Hävlingen ist links und rechts von Bergen eingefasst. Aufkommender Wind wird wie in einem Windkanal verstärkt.


Der Hävlingen in "Aufruhr".

Die drei Tage unseres Aufenthaltes brachten jedenfalls mehrfach die Erfahrung von plötzlich aufkommender „steifer Brise“ verbunden mit Wellengang. Bei Touren auf den kalten Gewässern im Fjäll muss Paddlern dieser Umstand bewusst sein. Sicherheit bieten abgesehen vom obligatorischen Tragen einer Schwimmweste, Kenntnisse über mögliche Gefahrensituationen im Tourengebiet, ein ausgeprägter „Gefahren-Instinkt“ sowie erworbene Fertigkeiten der sicherheitsrelevanten Paddeltechniken, der Selbstrettung bzw. der Bootsbergung bei einer Kenterung. Das ufernahe Paddeln, wasserdicht verpackte Ausrüstung, Gepäckmanagement im Kanu und gegebenenfalls die Entscheidung treffen: „Gefahrenzone verlassen und am sichern Ufer abwarten“, sind meines Erachtens ebenso zwingend zu berücksichtigen.
In der Ferne sehen wir irgendwann die Fahne am Fischcamp „Hävlingsstugorna“ flattern und kommen dort gegen 10:00 Uhr an. Der Wind beruhigt sich zunächst etwas. Kurze Zeit später bläst er aber umso stärker und es bauen sich wieder Wellen auf, bei deren Höhe für uns ein weiter paddeln nicht in Frage kommt.
Manche Entschlüsse brauchen vernünftiger Weise keine lange Bedenkzeit. Jedenfalls beschließen Karin und ich wegen des unbeständigen Wetters, die Kanutour am Fischcamp abzubrechen. Wir melden uns beim Hüttenwart von der Tour zurück. Nach einer Lunch-Pause am Seeufer geht es mit den wieder gepackten Rucksäcken zurück nach Grövelsjön.


Wieder mal am Packen.


Aufbruch nach Grövelsjön.

 

Ein wehrhafter Zwerg

13 Kilometer liegen vor uns. Herausforderungen, außer die unvorhersehbaren, sind auf diesem Trail nicht mehr zu erwarten. Bis Jakobshöjden geht es 10 km sachte bergan.


Ein Blick zurück zum Hävlingen, der nur noch als schmales Band erkennbar ist. Und ...


... ein Blick nach vorn. Am Horizont ist der Berg "Jakobshöjden" zu sehen.

Dascha, unsere Laika-Hündin, besitzt bei der Suche nach etwas Jagdbaren einen fast ununterbrochen anhaltenden Finderwillen. Dabei sind ihr allerdings durch die Hundeleine deutliche Grenzen gesetzt. Die Mäusejagd links und rechts des Pfades ist für sie bei der Bedürfnisbefriedigung die machbare Minimalvariante. Wie Füchse oder Wölfe es tun, springt sie ihr erlauschtes Ziel im hohen Bogen an. Die Trefferquote ist gar nicht so schlecht. Schon eine ganze Weile der Wegstrecke haben Goldregepfeifer unsere Aufmerksamkeit provoziert. Flach überm Boden von Stein zu Stein fliegend, gebärden sich die Vögel für Dascha aufreizend und lassen immer wieder ihre pfeifenden Stimmen ertönen. Doch die Vögel sind unerreichbar, heizen jedoch den Jagdtrieb des Hundes ordentlich an.


Der Goldregenpfeifer (schwed. Ljungpipare) ist ein im Fjäll häufig anzutreffender Brutvogel.

Der Jagderfolg lässt nicht lange auf sich warten. Aus einem Wacholderbusch zieht Dascha eine ordentlich zappelnde und kreischende Beute heraus. Ich gebe das Kommando „Aus“ und ziehe Dascha zurück, um das Tierchen aus ihrem Griff zu retten. Es ist ein Lemming. Der Zwerg quiekt wahnsinnig laut und diese Lautstärke könnte es sicher mit Löwengebrüll aufnehmen, wenn man die Größe des Tieres mit berücksichtigt. Fallen gelassen springt der Ninja-Lemming todesmutig dem Hund entgegen und „fletscht“ die Nagezähne. Es ist für mich immer wieder erstaunlich, was Tiere im Kampf ums Überleben zu leisten in der Lage sind. Wir hoffen, dass der kleine David das Gefecht gegen den großen Goliath ohne Schaden überstanden hat.

Lemming-Attacke
(großes Bild - Klick!)

Am Gipfelpunkt des heutigen Tages angekommen begegnen uns ein Schwabe und ein Bayer. Wir tauschen das Übliche „Woher und Wohin“ aus und plaudern ein bisschen über vergangene Touren. Von uns nicht sofort bemerkt hat sich Dascha hingelegt und ist eingeschlafen. Offensichtlich waren die vielen Aktionen der letzten Tage, ohne die sonst gewohnten Ruhephasen, für sie etwas anstrengend. Karin verpackt bei sich Daschas Hunderucksack und dem Hund bekommt die Entlastung auf den letzten Kilometern augenscheinlich sehr gut. Zur Grövelsjön Fjällstation ist der Pfad zum Schluss sehr steinig und es geht 200 Höhenmeter abwärts.


Fernsicht auf die "Blauen Berge" des über 1.700 m hohen Rendalssølen-Massiv in Norwegen.


Als dünner Faden ist gegenüber am Berg unser Aufstiegsweg beim Start der Tour zu erkennen.


Fast am Ziel: STF Fjällstation Grövelsjön

Nach dem Karin das Auto vom Parkplatz an der Sjöstugan geholt hat, fahren wir 150 km bis nach Älvdalen im Herzen der Provinz Dalarna. Auf dem Zeltplatz direkt am Fluss Österdalälven sortieren wir Ausrüstung, nutzen den Komfort von Dusche, WC, Waschmaschine und Wäschetrockner, schlafen mit dem festen Dach einer Miniblockhütte überm Kopf zwei 2 Nächte mal nicht mit der Isomatte auf dem Boden.

Nebelschwaden überm Österdaläven


Das Ende eines Abenteuers ist gleichzeitig der Beginn des nächsten, denn im schwedischen Värmland will ich mit meinem Paddel-Freund Joachim in ein paar Tagen eine Kanutour unternehmen. Aber das ist dann bereits die nächste Geschichte.

 

Demnächst auf northtrail.de:

Ein Kanu-Trip durch die Nordmark
- Auf 16 Seen und 12 Portagen -


(Touren)