von Peter Peuker |
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Eine gemütliche Blockhütte im Fjäll Unser Urlaub ist nun schon wieder einige Wochen her. Die Tage werden jetzt spürbar kürzer und die Abende demzufolge länger. Es ist an der Zeit, mit dem Schreiben des Tourenberichtes unseres kleinen Paddelabenteuers zu beginnen. Da ich im Urlaub fleißig Tagebuch geführt habe, geht das Schreiben flotter von der Hand. „Das Gebiet um den Rogen, das 100 Seen umfasst, erstreckt sich vom südwestlichen Härjedalen bis ein Stückchen hinein ins nördliche Dalarna und sogar bis nach Norwegen. Es liegt inmitten einer Gebirgswelt und unwegsamen Geländes und ist das Einsamste und Wildeste, was die schwedische Natur zu bieten hat.“ Das klingt doch wirklich sehr interessant, macht unternehmungslustig und fordert den Paddler zum Abendteuer auf. Dieses Gebiet kennen zu lernen, stand schon lange auf der Wunschliste meiner Exkursionsgebiete in Schweden und dieses Jahr sollte es endlich klappen.
Am 20.07.06, gegen 17.00 Uhr kommen wir am Ende aller Wege in Käringsjön an. Erst mal atmen wir tief durch und sondieren das Umfeld. Wer am Ziel nun erwartet in Härjedalens einsamster Ecke zu landen, wird erst einmal ein bisschen staunen wie viele Autos hier geparkt stehen. Es wird sogar zwischen Tages- und Langzeitparkern getrennt. Letztere bezahlen 10 SEK/Tag Parkgebühr.
Abends sitzen wir vor der Hütte und genießen im Zwielicht des Nordens die Ruhe. Unser Blick ist nach Süden gerichtet, dort irgendwo muss der Rogensee liegen. Weiter in der Ferne über den bis zu 1400 m hohen Fjällgipfeln des Femundsmarka-Nationalparks in Norwegen ziehen dunkle Wolken auf, ab und zu ist ein Donnern zu vernehmen.
Diese Naturkulisse beflügelt die Phantasie und lässt unsere Spannung auf die kommenden Paddeltage noch einmal ansteigen. Bevor wir in einen erholsamen, wenn auch kurzen Schlaf fallen, geht jeder für sich in Gedanken noch einmal die Tourenplanung durch:
Durch ein Seenlabyrinth mit vielen Portagen Am nächsten Tag, der mit schönem Wetter aufwartete, ging es um 08.00 Uhr mit dem Ordnen des Tourengepäcks los. Damit nichts vergessen wird, musste dafür natürlich besondere Sorgfalt und Zeit aufgewendet werden. Nachdem wir uns bei der Wirtin vom Käringsjön Gård abgemeldet haben, sind wir gegen 11.00 Uhr auf dem Wasser. Ein schmaler aber kurzer Zufluss bringt uns zum Käringsjön. Alle haben ihren Platz im Boot eingenommen, die Ausrüstung ist verstaut und der Weg ist nun unser Ziel. Die Spannung, die ich jedes Mal vor solchen Unternehmen verspüre löst sich in Luft auf, wenn der Aufbruch erfolgt ist. So war es auch, als wir mit unserem Kanadier über das ruhige und klare Wasser des Käringsjön glitten.
Alle Seen, die wir bis zum Rogen überwinden werden stellen ein Gewirr aus vielen Buchten, Landzungen und Inseln dar. Beim Blick auf die Karte könnte man meinen, ein Labyrinth vor sich zu sehen. Paddler die Grundkenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit Karte und Kompass besitzen, sollten sich hier dennoch gut orientieren können. Ein GPS-Gerät ist ein sehr nützliches Hilfsmittel bei der Navigation, aber auf der von uns zurückgelegten Tour kein unbedingtes Reiseutensil.
Auf dem Krattelsjön ist die Paddelstrecke etwa doppelt so lang wie auf dem Hån. Es folgt wieder eine kurze Portage zum Uthussjön, der aus zahlreichen Buchten, Halbinseln und Inseln besteht. Mit dem GPS fällt das navigieren natürliche leicht. So gelangen wir problemlos zur nächsten Portage in einen kleinen See, der zumindest auf der Karte keinen ausgewiesen Namen hat. Hier begegnen wir einem jungen Pärchen aus Norwegen, die mit Schäferhündin und Ally-Faltkanadier unterwegs sind, und zwei Paddlern aus Deutschland. In der Weite des Rogengebietes, wird das unsere einzige Begegnung mit ihnen sein. Über den namenlosen See ist die Fahrt nur kurz, wie auch die darauf folgende Portage. Es ist an der Zeit nach einem Biwakplatz für die Übernachtung zu suchen. Schön gelegene Stellplätze gibt es in diesem Seengewimmel ausgesprochen viele. Welcher ist aber der Schönste? Darin liegt bei der Suche wohl das einzige, aber auch „größte“ Problem. Auf dem Nybodtjärnen, dem 6. See des Paddeltages, werden wir dann doch schnell fündig. Ein traumhafter Platz auf einer Halbinsel mit Südlage, 270° Seeblick und die restlichen 90° des Panoramas werden durch 1000 m hohe Fjällgipfel im Norden ausgefüllt.
Wir erkunden die nähere Umgebung. Ich finde einen alten Pfad, der zum Öster-Rödsjön führt. Am Ende liegt in sumpfigem Gelände ein uraltes Holzboot dessen Rumpf schon von Moosen und Gräsern erobert worden ist. Welche Geschichte hat wohl dieses Boot? Hat es Samis gehört, die hier zum See Fischen gekommen sind?
Am Nachmittag unseres zweiten Paddeltages sitze ich am Strand und schreibe Tagebuch. Der Himmel ist strahlend blau, ein leises Lüftchen weht und es ist warm, richtig warm. Wären da nicht die Rentierfährten im Sand, die Fjällgipfel am Horizont und würde die Sonne nicht um 20.00 Uhr noch hoch am Himmel stehen, könnte ich mich auch viele tausend Kilometer weiter im Süden befinden. Aber nein, ich sitze am Ufer des Rogen auf Position N 62°19’23,5’’ und EO 12°26’15,6’’, der gleichen nördlichen Breite wie Südgrönland.
Ohne Probleme finden wir die Aussetzstelle. Ein Schuppen und ein paar Ruderboote am Ufer weisen uns den Weg. Der Pfad zum Rogen ist ziemlich felsig, ca. 250 m lang und zum Abschluss erwartet den Voyageur ein kleiner Abstieg. Am Rogen empfängt uns ein Minisandstrand. Aus einer Quelle sprudelt eiskaltes klares Wasser. Die Fjällgipfel Bustvålen und Bredåvålarna erheben sich in ihrer ganzen Größe vor uns. In der Ferne, auf den noch höheren Gipfeln der Femundsmarka, liegen teilweise noch Schneereste.
Das Wasser des Rogen ist extrem klar und sehr kalt. Die Sichttiefe schätze ich auf 7 – 8 m. Bei diesen Wassertemperaturen möglicherweise weit draußen auf dem See zu kentern kann fatale Folgen haben, wenn die Paddler nicht über entsprechende Erfahrungen und Fertigkeiten der Bootsbergung und Selbstrettung verfügen.
Irgendwann sichten wir in der Ferne im Feldstecher den Sandstrand, der am frühen Nachmittag unser Tagesziel sein wird. Bis dahin sind aber noch einige Paddelkilometer zurück zu legen. Im Fjällwald stehen am Ufer im Abstand 3 Hütten. Vielleicht gehören sie den Samis, die dieses Gebiet mit ihren Rentieren bewirtschaften und auf den See zum Fischen raus fahren. Das Gebiet um den Rogensee gehört zur Samengemeinde von Tännäs. Am frühen Nachmittag erreichen wir unser Ziel. Unser Camp steht tatsächlich an einem Sandstrand in der Wildnis am Ufer des Rogensees.
Wir steigen aus dem Boot und staunen. Aber es ist kein Traum, sondern Wirklichkeit. Neben den Rentierfährten sind am Ufer Burgen aus Sand und Stöckchen gebaut. Sicher hat hier erst vor kurzem eine Familie ihr Lager aufgeschlagen. Ganz allein sind wir nicht. 150 m weiter neben uns hat sich ein Eremit einquartiert, der allein mit seinem Gummiboot unterwegs ist. Die Sonne knallt erbarmungslos vom Firmament. Das Thermometer zeigt 36° C in der Sonne und das noch um 16.00 Uhr. Sonnenaufgang war heute um 04.05 Uhr und Sonnenuntergang wird um 22.27 Uhr sein. Um 20.00 Uhr steht die Sonne bei 280° und 15° hoch überm Horizont. Hier ein schattiges Plätzchen zu finden, ist bei den wenigen Bäumen gar nicht so leicht.
Abends ziehen in der Nähe unseres Lagers Rentiere vorbei. Wir können ihr grunzendes Rufen hören. Obwohl wir im Laufe der Jahre wohl schon mehr als tausend Rentiere gesehen haben, ist es doch immer wieder ein besonderes Erlebnis den Hirschen des Nordens zu begegnen.
Unvergessliche Momente
"There is a land
Gott schuf zwar die Zeit,
Die Einsamkeit ist die tiefe Natur des Herzens,
Achte auf die Stille und bewahre sie,
Vom Sumpfland und dem glücklichen Ende In den Morgenstunden meldet sich wieder der "Foltervogel" zu Wort. Leider habe ich bisher noch nicht herausbekommen, um was für einen nordischen Vogel es sich hier handelt. Es ist Sonntag. Um 08.00 Uhr beginnt der Tag. D.h. für Karin schon etwas eher. Bei spiegelglattem See und Morgenstimmung knipst sie ein paar tolle Fotos.
Leichte, aber beständige Kopfschmerzen und etwas Übelkeit machen sich bei mir bemerkbar. Das sind wohl noch die Auswirkungen vom Vortag. Vom Alkohol? Irrtum, nicht ein Tropfen hatten wir auf der Tour dabei. Natürlich wegen der Gewichtseinsparung, versteht sich doch von selbst. Bestimmt habe ich am Vortag auch zu viel Sonne getankt. Eine innere Unruhe, wie so oft bei derartigen Unternehmen, befällt mich. Liegt es am Wetter? Schon früh ist es einigermaßen warm und drückend. Dicke Quellwolken ziehen am Horizont von Westen her auf, die für den Tag nichts Gutes verheißen. Irgendwann greife ich besser doch zu einer Aspirin. Das Packen fällt so viel leichter, vor allem wenn ich mich dabei vorne überbeugen muss. Aufbruch zur letzten Etappe.
Vor uns stehen die längste Portage und die kürzeste Paddelstrecke der Tour. Zunächst geht es zurück in Richtung Nordwest. Die Ausstiegstelle für die Portage vom Rogen zum Hån ist am Ufer mit 2 Steinmännchen markiert. Die Koordinaten lauten: Das Ufer des Rogen ist von einem schmalen Streifen Fjällbirken gesäumt. Erst einmal steige ich aus dem Boot und erkunde das Terrain, um den besten Ausstieg zu finden. Gleich hinter den Birken beginnt eine weite, ansteigende Sumpffläche (schwed. Sankmark). Ein paar Schritte vom Ufer und ich versinke knöcheltief im Morast. Na, das kann ja heiter werden. Der in 400 – 500 m Entfernung stehende Fjällwald aus Kiefern zeigt das voraussichtliche Ende des Sumpfgebietes an. Bis dahin müssen wir aber erstmal kommen. Nach einigen Metern finden wir auch den Portagepfad, der anfangs nicht eindeutig auszumachen war. Zum Glück hat es eine Weile nicht geregnet. Der Untergrund ist ziemlich weich und das Vorwärtskommen dadurch beschwerlich. Aber es ist sichtbar, dass andere vor uns viel tiefer im Sumpf versackt sein müssen. Die erste Gepäckrunde machen wir mit den Hunden und den Packsäcken. Nach ca. 500 m, als wir den Fjällwald erreichen, wird der Pfad fest und ebener. Bis zum Hån ist es jedoch noch einmal so weit. Am Hån angekommen binden wir die Hunde an, atmen kurz durch und auf geht’s zur zweiten Runde. Jetzt sind die zwei 30 l Packtonnen dran, die ich mit einem eigens dafür konstruierten Tragegestell von meinem Freund Frank, in einem Gang transportieren kann. Bis zur Waldkante schleppe ich die Tonnen, von da an muss sie Karin einzeln tragen. Vom Himmel kommt ein Grummeln zu uns herunter und die Wolken haben sich schon ziemlich dunkel gefärbt. Das spornt uns zur Eile an, denn der Ort ist nicht besonders gastlich, um hier abzuwettern. Reife Moltebeeren stehen im Sumpf. Wegen des sich ankündigenden Wetters lassen wir die schmackhaften Beeren da wo sie sind.
Auf der letzten Portagerunde ist das Kanu an der Reihe. Um mit der Last auf den Schultern nicht zu tief einzusinken, ziehe ich es zunächst ein Stück über den Sumpfboden. Bald gebe ich diese Methode auf. Es war eine schlechte Idee, denn der Reibungswiderstand ist ziemlich groß und dazu geht es auch noch bergauf. Also das Boot auf die Schultern gepackt und ab geht’s. In solchen Situationen zahlt sich das geringe Gewicht des Kanus aus, dessen Rumpf aus einer Karbon – Kevlar – Faser besteht. Trotzdem muss ich auf dem Sumpfpfad alle 80 – 100 m pausieren und pumpe jedes Mal wie ein Maikäfer. Kleine markante Geländepunkte sind meine Etappenziele. Noch bis zu diesem Moderloch, noch bis zu dieser Dürrkiefer usw.. In den kurzen Pausen beruhigt sich mein Puls zwar relativ schnell, aber meine Kondition ist nicht mehr die von vor ein paar Jahren.
Gerade als wir das Kanu beladen wollen, tauchen im Fjällbirkenwald Rentiere auf. So haben wir zum Ende der Tour doch noch „Anblick“, wie das Erblicken von Wild in der Weidmannssprache genannt wird. Dieses Mal bin aber nicht ich der Jäger, sondern Karin mit dem Fotoapparat. Mit unseren Hunden geht der Jagdinstinkt durch, besonders bei der Laika-Hündin. Stunden auf einen Hund zu warten, der Rentiere durchs Fjäll jagt, das wäre jetzt zum Schluss die Krönung. Wer hier mit Hunden unterwegs ist, muss ständig mit solchen Begegnungen rechnen und vorbereitet sein, d.h. immer sicher vertäuen.
Wir sortieren die Ausrüstung, beladen das Auto und fahren noch 230 km bis nach Älvdalen am Österdalälven in Dalarna. Der Urlaub ist noch nicht vorbei, aber die Erlebnisse der Rogentour sind wohl kaum mehr zu toppen. |
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