Kanuabenteuer_Rogen
von Peter Peuker


Morgenstimmung_am_Rogen

Eine gemütliche Blockhütte im Fjäll

Unser Urlaub ist nun schon wieder einige Wochen her. Die Tage werden jetzt spürbar kürzer und die Abende demzufolge länger. Es ist an der Zeit, mit dem Schreiben des Tourenberichtes unseres kleinen Paddelabenteuers zu beginnen. Da ich im Urlaub fleißig Tagebuch geführt habe, geht das Schreiben flotter von der Hand.
Im schwedischen Internet – Kanu - Guide „www.Kanuguiden.com“ ist über die Region unserer Paddeltour zu lesen:

Das Gebiet um den Rogen, das 100 Seen umfasst, erstreckt sich vom südwestlichen Härjedalen bis ein Stückchen hinein ins nördliche Dalarna und sogar bis nach Norwegen. Es liegt inmitten einer Gebirgswelt und unwegsamen Geländes und ist das Einsamste und Wildeste, was die schwedische Natur zu bieten hat.“

Das klingt doch wirklich sehr interessant, macht unternehmungslustig und fordert den Paddler zum Abendteuer auf. Dieses Gebiet kennen zu lernen, stand schon lange auf der Wunschliste meiner Exkursionsgebiete in Schweden und dieses Jahr sollte es endlich klappen.
Als ich meiner Frau Karin im April den Vorschlag für die Paddeltour im Rogenseengebiet unterbreitete, war sie sofort begeistert. Im Internet hatten wir einige interessante Tourenberichte gefunden, die so viele Informationen enthielten, dass wir uns einen Eindruck verschaffen konnten, was Paddler auf einer Tour dort erwarten würde. Im Mai testeten wir schon mal auf einer kleinen Tour die Gepäckverteilung im Boot und vor allem das Verhalten unserer Hunde. Mit zwei Hunden auf eine solche Paddeltour zu gehen, würde für uns eine neue Erfahrung sein. Unser Rauharr-Teckel ist zwar schon reichlich paddelerfahren, nicht aber die damals 7 Monate alte Laika-Hündin.
Den ersten Teil des Urlaubs verbrachten wir gemeinsam mit unseren Kindern Julia und Richard im Glaskogen Naturreservat und im Hallingdal in Norwegen.
Die Kinder sind dann nach einer guten Urlaubswoche Mitte Juli von Oslo nach Deutschland zurück geflogen.
Nach dem wir einige Tage in den endlosen Wäldern des Finnskogen in Värmland verbracht haben, traten wir unsere Reise weiter nach Norden an. Einsame Schotterpisten führten von Sysslebäck am Klarälven nach Dalarna, dem Herz Schwedens. In Särna erledigten wir einige notwendige Einkäufe und weiter ging es auf der landschaftlich schön gelegenen Straße 311 in Richtung Tännäs. Auf 90 km gibt es hier nur 2 Dörfer. Eines davon ist Högvålen, das höchst gelegene Dorf Schwedens mit 813 m ü. NN. Der Wegweiser zum Rogen Naturreservat steht kurz vor Tännäs. Ab hier fahren wir 18 km Schotterpiste bis nach Käringsjövallen und danach noch weitere 7 km auf einem geschotterten Waldweg bis nach Käringsjön. Die Weggebühr beträgt 40 SEK.

Wegweiser_an_der_311kurz_vor_dem_Ziel

Am 20.07.06, gegen 17.00 Uhr kommen wir am Ende aller Wege in Käringsjön an. Erst mal atmen wir tief durch und sondieren das Umfeld. Wer am Ziel nun erwartet in Härjedalens einsamster Ecke zu landen, wird erst einmal ein bisschen staunen wie viele Autos hier geparkt stehen. Es wird sogar zwischen Tages- und Langzeitparkern getrennt. Letztere bezahlen 10 SEK/Tag Parkgebühr.
Um zu packen und los zu paddeln, fehlt uns an diesem Tag die Kraft. Eine gemütliche Blockhütte im Fjäll ohne Strom und Wasser ist für eine Nacht unser Quartier und bietet den Luxus nach vielen Nächten im Zelt wieder mal in einem Bett zu schlafen. Der Hüttenname „Himmelsrasta“ bedarf wohl keiner Übersetzung.

KäringsjönHimmelsrasta

Abends sitzen wir vor der Hütte und genießen im Zwielicht des Nordens die Ruhe. Unser Blick ist nach Süden gerichtet, dort irgendwo muss der Rogensee liegen. Weiter in der Ferne über den bis zu 1400 m hohen Fjällgipfeln des Femundsmarka-Nationalparks in Norwegen ziehen dunkle Wolken auf, ab und zu ist ein Donnern zu vernehmen.

HüttenatmosphäreAbendstimmung

Diese Naturkulisse beflügelt die Phantasie und lässt unsere Spannung auf die kommenden Paddeltage noch einmal ansteigen. Bevor wir in einen erholsamen, wenn auch kurzen Schlaf fallen, geht jeder für sich in Gedanken noch einmal die Tourenplanung durch:

  • Die Paddeltour soll als Rundtour gestaltet werden. Die Strecke von Käringsjön bis zum Rogen haben wir im Vorfeld ziemlich genau geplant und die wichtigsten Wegpunkte auf der Karte eingezeichnet sowie im GPS-Gerät eingetragen.
  • Der Rückweg vom Rogen ist noch nicht so genau festgelegt. Wir haben dafür mehrere Alternativen ins Auge gefasst. Nach Prüfung der örtlichen Gegebenheiten würden wir uns erst vor Ort für eine Variante entscheiden.
  • Es ist auf alle Fälle nicht unser Anliegen diese Tour unter Zeitdruck durchzuführen, deshalb haben wir uns 3 – 5 Paddeltage vorgenommen.
  • Die Länge der Tagesetappen soll eher vom Wetter, den Portagen und unserer Erkundungslust abhängig sein.
  • Dieses Unternehmen wird uns aber auch vor neue Herausforderungen stellen, erstens die relative Abgeschiedenheit des Gebietes; zweiten die vielen Portagen und drittens mit zwei Hunden auf eine solche Tour zu gehen.

 

Durch ein Seenlabyrinth mit vielen Portagen

Am nächsten Tag, der mit schönem Wetter aufwartete, ging es um 08.00 Uhr mit dem Ordnen des Tourengepäcks los. Damit nichts vergessen wird, musste dafür natürlich besondere Sorgfalt und Zeit aufgewendet werden. Nachdem wir uns bei der Wirtin vom Käringsjön Gård abgemeldet haben, sind wir gegen 11.00 Uhr auf dem Wasser. Ein schmaler aber kurzer Zufluss bringt uns zum Käringsjön. Alle haben ihren Platz im Boot eingenommen, die Ausrüstung ist verstaut und der Weg ist nun unser Ziel. Die Spannung, die ich jedes Mal vor solchen Unternehmen verspüre löst sich in Luft auf, wenn der Aufbruch erfolgt ist. So war es auch, als wir mit unserem Kanadier über das ruhige und klare Wasser des Käringsjön glitten.

Tourengepäckdie_Tour_beginnt

Alle Seen, die wir bis zum Rogen überwinden werden stellen ein Gewirr aus vielen Buchten, Landzungen und Inseln dar. Beim Blick auf die Karte könnte man meinen, ein Labyrinth vor sich zu sehen. Paddler die Grundkenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit Karte und Kompass besitzen, sollten sich hier dennoch gut orientieren können. Ein GPS-Gerät ist ein sehr nützliches Hilfsmittel bei der Navigation, aber auf der von uns zurückgelegten Tour kein unbedingtes Reiseutensil.

Karte zur Tour
(klick)
Karte_zur_Tour



Wählt man auf den kommenden Seen oberhalb des Rogen die einigermaßen direkte Entfernung zwischen den Portagen, ohne die Buchten auszufahren und Inseln zu umrunden, so liegen die dabei zurückgelegten Strecken jeweils zwischen einigen hundert Metern und wenigen Kilometern. Wir befinden uns auf dem 62 Breitengrad, die Seen nördlich des Rogen sind auf einer Höhe von 777 m ü. NN. Der Rogen selber 20 Höhenmeter tiefer. Die Baumgrenze liegt hier bereits zwischen 800 – 900 ü. NN. In den Alpen ist diese zum Vergleich etwa bei 1800 m.
Nach kurzer Paddelstrecke gelangen wir auf der Südseite des Käringsjön an die erste Portage zum nächsten See, dem Hån. Zwei Portagetrails sind am Ufer gut erkennbar. Unser Planung und der Karte folgend wählen wir den rechten Pfad nach Westen. Jeder von uns legt beim Portagieren 4 x 400 m auf relativ ebenen, aber sehr felsigem bzw. steinigem Gelände zurück. Auf der ersten Strecke werden die Packsäcke getragen und die Hunde mitgenommen. Karin übernimmt auf der zweiten Packagetour die beiden Tonnen und ich trage den Kanadier. Wir treffen auf die ersten Tiere des Nordens, Schneehühner. Am Ufer des Hån holen wir erst einmal unsere Morgenwäsche bei annehmbaren Wassertemperaturen nach. Das Boot wird beladen und weiter geht’s. Schon nach 700 – 800 Paddelmetern kommt die nur 30 m lange Portage Nr. 2 zum Krattelsjön.

Portage Nr.?klar_zum_Ablegen

Die uns umgebende Landschaft ist einmalig schön. Kiefern, Fichten, Birken bilden im hügeligen Terrain einen sehr lockeren Waldbestand, in dem jeder einzelne Baum von Felsen und Wacholdersträuchern umgeben zur Geltung kommt. Durch das Klima und die sehr kurze Vegetationsperiode, erreichen die Bäume relativ geringe Wuchshöhen. Bei einer ca. 20 Jahre alten Fichte habe ich eine Höhe von nur 2 m gemessen. An feuchten Stellen wachsen viele Moltebeeren, die leider noch nicht reif sind. Überall stehen bizarre Dürrkiefern. In dem trockenen Klima der Region haben diese abgestorbenen Bäume eine sehr lange Standzeit, bevor sie umstürzen oder vorher vom Blitz getroffen werden. Als markante Landschaftsmerkmale und wegen ihrer ökologischen Bedeutung, sind sie besonders geschützt. Zwergbirken, Heidekraut, Preiselbeeren, Blaubeeren, Krähenbeeren und zahlreiche Flechten bilden eine in vielfältigen Naturfarben erscheinende Bodenvegetation. Abgestorbene Pflanzenteile werden hier nur sehr langsam abgebaut. So entsteht eine sehr trockene Rohhumusschicht über dem felsigen Untergrund und diese bietet sehr guten Zunder für gefährliche Bodenbrände. Für das Rogennaturreservat gilt deshalb Feuerverbot außerhalb von ausgewiesenen Feuerstellen.

Landschaft_im_Naturreservatauf_einsamen_Kanuwegen

Auf dem Krattelsjön ist die Paddelstrecke etwa doppelt so lang wie auf dem Hån. Es folgt wieder eine kurze Portage zum Uthussjön, der aus zahlreichen Buchten, Halbinseln und Inseln besteht. Mit dem GPS fällt das navigieren natürliche leicht. So gelangen wir problemlos zur nächsten Portage in einen kleinen See, der zumindest auf der Karte keinen ausgewiesen Namen hat. Hier begegnen wir einem jungen Pärchen aus Norwegen, die mit Schäferhündin und Ally-Faltkanadier unterwegs sind, und zwei Paddlern aus Deutschland. In der Weite des Rogengebietes, wird das unsere einzige Begegnung mit ihnen sein. Über den namenlosen See ist die Fahrt nur kurz, wie auch die darauf folgende Portage. Es ist an der Zeit nach einem Biwakplatz für die Übernachtung zu suchen. Schön gelegene Stellplätze gibt es in diesem Seengewimmel ausgesprochen viele. Welcher ist aber der Schönste? Darin liegt bei der Suche wohl das einzige, aber auch „größte“ Problem. Auf dem Nybodtjärnen, dem 6. See des Paddeltages, werden wir dann doch schnell fündig. Ein traumhafter Platz auf einer Halbinsel mit Südlage, 270° Seeblick und die restlichen 90° des Panoramas werden durch 1000 m hohe Fjällgipfel im Norden ausgefüllt.
Bis zum Rogen stehen noch ein See und 2 Portagen vor uns. Hätten wir das heute schaffen können? Ja klar, aber die Tour soll nicht zu einem außerordentlichen Sportereignis werden und wie schon gesagt, unter Zeitdruck stehen wir nicht. Eine kleine sportliche Herausforderung mit den 5 Portagen war der Paddeltag trotzdem. Und was soll man erst zum Wetter sagen. Einfach topp! Blauer Himmel, Sonnenschein und warm, teilweise zu warm. Nachmittags sind einige Quellwolken aufgezogen, die sich am Abend aber wieder aufgelöst haben. Das Barometer zeigt 934 hPa, Tendenz gleich bleibend, um 20.00 Uhr an. Da wir uns auf 780 m ü. NN befinden entspricht das einem Luftdruck von etwa 1014 hPa auf Meeresspiegelhöhe und dazu noch am Abend gemessen, das bedeutet Hochdruck.
Nach dem das Camp eingerichtet ist genießen wir den lauen Abend, an dem die Sonne jetzt Mitte Juli erst um 22.30 Uhr untergehen wird. Diese absolute Stille zu erfahren, ist für mich immer wieder ein tolles Erlebnis. Ein Gefühl, als wenn die eigenen Gedanken hörbar werden.

Biwak_am_Nybodtjärnentotal_geschafft

Wir erkunden die nähere Umgebung. Ich finde einen alten Pfad, der zum Öster-Rödsjön führt. Am Ende liegt in sumpfigem Gelände ein uraltes Holzboot dessen Rumpf schon von Moosen und Gräsern erobert worden ist. Welche Geschichte hat wohl dieses Boot? Hat es Samis gehört, die hier zum See Fischen gekommen sind?
Abends stellt sich ein neugieriger Besucher ein. Offensichtlich auf Futtersuche umkreist ein Mink mit wenig Scheu unser Camp. Am Ufer springt er von Stein zu Stein, schnuppert hier und dort, schwimmt zwischen den aus dem Wasser ragenden Felsen hin und her. Für unsere Laika-Hündin bleibt dieser Besucher natürlich nicht unbemerkt und der Jagdtrieb geht mit ihr durch. Der Mink hat aber nichts zu befürchten, denn im Naturreservat herrscht Leinenzwang. Ansonsten haben sich unsere Hunde heute toll ins Team eingefügt und wussten offensichtlich instinktiv was wir von ihnen erwarten. Meine anfänglichen Bedenken waren also unbegründet.
Karin kocht auf dem Multistove das Abendbrot und wir trinken mehrere Tassen Tee.
Schon um 21.30 Uhr leiten wir die Nachtruhe ein.
In den Morgenstunden werde ich von dem penetranten nicht aufhören wollenden Rufen eines Vogels geweckt. Tschiii, Tschiii, Tschiii ….geht es laut und minutenlang. Das muss ein „Foltervogel“ sein.

 


Rentierfährten am Strand und Sonne ohne Ende

Am Nachmittag unseres zweiten Paddeltages sitze ich am Strand und schreibe Tagebuch. Der Himmel ist strahlend blau, ein leises Lüftchen weht und es ist warm, richtig warm. Wären da nicht die Rentierfährten im Sand, die Fjällgipfel am Horizont und würde die Sonne nicht um 20.00 Uhr noch hoch am Himmel stehen, könnte ich mich auch viele tausend Kilometer weiter im Süden befinden. Aber nein, ich sitze am Ufer des Rogen auf Position N 62°19’23,5’’ und EO 12°26’15,6’’, der gleichen nördlichen Breite wie Südgrönland.
Nun aber erstmal der Reihe nach. Unser Paddeltag begann so um 08.00 Uhr mit den üblichen morgendlichen Abläufen, die sich bei einer Paddeltour immer wiederholen. Gegen 10.00 Uhr sind wir auf dem Wasser. Schon nach 200 m folgte die Portage vom Nybodtjärnen zum Öster-Rödsjön. Als Frühsport ist die Portage auf alle Fälle akzeptabel. Die 80 m über einen Moränenbuckel bringen den Kreislauf in Schwung. Über den Öster-Rödsjön, der ebenfalls aus zahlreichen Buchten, Halbinseln und Inseln besteht, paddeln wir in Erwartung der Portage zum Rogen.

Öster-Rödsjön_und_Doppelgipfel_Bustvalen

Ohne Probleme finden wir die Aussetzstelle. Ein Schuppen und ein paar Ruderboote am Ufer weisen uns den Weg. Der Pfad zum Rogen ist ziemlich felsig, ca. 250 m lang und zum Abschluss erwartet den Voyageur ein kleiner Abstieg. Am Rogen empfängt uns ein Minisandstrand. Aus einer Quelle sprudelt eiskaltes klares Wasser. Die Fjällgipfel Bustvålen und Bredåvålarna erheben sich in ihrer ganzen Größe vor uns. In der Ferne, auf den noch höheren Gipfeln der Femundsmarka, liegen teilweise noch Schneereste.

Portage_zum_RogenAnkunft_am_Rogen

Das Wasser des Rogen ist extrem klar und sehr kalt. Die Sichttiefe schätze ich auf 7 – 8 m. Bei diesen Wassertemperaturen möglicherweise weit draußen auf dem See zu kentern kann fatale Folgen haben, wenn die Paddler nicht über entsprechende Erfahrungen und Fertigkeiten der Bootsbergung und Selbstrettung verfügen.
Wir paddeln in Ufernähe den spiegelglatten Rogen nach Südosten runter.

auf_dem_Rogen

Irgendwann sichten wir in der Ferne im Feldstecher den Sandstrand, der am frühen Nachmittag unser Tagesziel sein wird. Bis dahin sind aber noch einige Paddelkilometer zurück zu legen. Im Fjällwald stehen am Ufer im Abstand 3 Hütten. Vielleicht gehören sie den Samis, die dieses Gebiet mit ihren Rentieren bewirtschaften und auf den See zum Fischen raus fahren. Das Gebiet um den Rogensee gehört zur Samengemeinde von Tännäs. Am frühen Nachmittag erreichen wir unser Ziel. Unser Camp steht tatsächlich an einem Sandstrand in der Wildnis am Ufer des Rogensees.

tatsächlich_ein_Sandstrandkaum_zu_glauben

Wir steigen aus dem Boot und staunen. Aber es ist kein Traum, sondern Wirklichkeit. Neben den Rentierfährten sind am Ufer Burgen aus Sand und Stöckchen gebaut. Sicher hat hier erst vor kurzem eine Familie ihr Lager aufgeschlagen.

spiegelglatter_Rogen

Ganz allein sind wir nicht. 150 m weiter neben uns hat sich ein Eremit einquartiert, der allein mit seinem Gummiboot unterwegs ist. Die Sonne knallt erbarmungslos vom Firmament. Das Thermometer zeigt 36° C in der Sonne und das noch um 16.00 Uhr. Sonnenaufgang war heute um 04.05 Uhr und Sonnenuntergang wird um 22.27 Uhr sein. Um 20.00 Uhr steht die Sonne bei 280° und 15° hoch überm Horizont. Hier ein schattiges Plätzchen zu finden, ist bei den wenigen Bäumen gar nicht so leicht.
An dem Panoramablick, mit der Weite des Rogens und die ihn umgebende Fjällwelt, können wir uns gar nicht satt genug sehen. Am Ufer steht ein Feld mit Wollgras. In diesem Ausmaß haben wir das noch nie gesehen.

geheimnisvolle_Spuren

Abends ziehen in der Nähe unseres Lagers Rentiere vorbei. Wir können ihr grunzendes Rufen hören. Obwohl wir im Laufe der Jahre wohl schon mehr als tausend Rentiere gesehen haben, ist es doch immer wieder ein besonderes Erlebnis den Hirschen des Nordens zu begegnen.
Die Sonne hat es mit uns heute zu gut gemeint. Bei Karin machen sich erste Symptome eines leichten Sonnenstichs bemerkbar. Darum verkriecht sie sich bei Zeiten ins Zelt. Ich bin viel zu aufgekratzt, um in den Schlaf zu finden. Am Ufer sitzend genieße ich, nehme alles was mich umgibt und ich wahrnehmen kann in mir auf. Von diesen Erinnerungen werde ich dann noch Monate oder Jahre zehren können. Mein Aufbleiben wird mit einem grandiosen Sonnenuntergangsschauspiel belohnt. Das sind die Erlebnisse, die Nordlandfahrer süchtig werden lassen.

 

Unvergessliche Momente

am_Ende_des_Paddeltages

"There is a land
where the mountains are nameless
and the rivers
all run God knows where"
(Robert W. Service "Songs of a Sourdough"
Toronto 1907)

 

Wollgras_im_Abendrot

Gott schuf zwar die Zeit,
aber von Eile hat er nichts gesagt."
(nordische Weisheit)

 

 

die_beginnende_Glut

Die Einsamkeit ist die tiefe Natur des Herzens,
die Perle aus reinem Gold im Zentrum aller Dinge,
die Schatzkammer, in die kein Räuber eindringen kann.
Willst du die unermesslichen Reichtümer des Geistes kennenlernen,
dann lerne, mit dir selbst zu leben.
(indianische Weisheit)

 

Abendglut

Achte auf die Stille und bewahre sie,
denn sie bringt alle Träume des Menschen.

(indianische Weisheit)

 

Vom Sumpfland und dem glücklichen Ende

In den Morgenstunden meldet sich wieder der "Foltervogel" zu Wort. Leider habe ich bisher noch nicht herausbekommen, um was für einen nordischen Vogel es sich hier handelt. Es ist Sonntag. Um 08.00 Uhr beginnt der Tag. D.h. für Karin schon etwas eher. Bei spiegelglattem See und Morgenstimmung knipst sie ein paar tolle Fotos.

Morgen_am_Rogen

Leichte, aber beständige Kopfschmerzen und etwas Übelkeit machen sich bei mir bemerkbar. Das sind wohl noch die Auswirkungen vom Vortag. Vom Alkohol? Irrtum, nicht ein Tropfen hatten wir auf der Tour dabei. Natürlich wegen der Gewichtseinsparung, versteht sich doch von selbst. Bestimmt habe ich am Vortag auch zu viel Sonne getankt. Eine innere Unruhe, wie so oft bei derartigen Unternehmen, befällt mich. Liegt es am Wetter? Schon früh ist es einigermaßen warm und drückend. Dicke Quellwolken ziehen am Horizont von Westen her auf, die für den Tag nichts Gutes verheißen. Irgendwann greife ich besser doch zu einer Aspirin. Das Packen fällt so viel leichter, vor allem wenn ich mich dabei vorne überbeugen muss. Aufbruch zur letzten Etappe.

Ruhe_vor_dem_Aufbruch

Vor uns stehen die längste Portage und die kürzeste Paddelstrecke der Tour. Zunächst geht es zurück in Richtung Nordwest. Die Ausstiegstelle für die Portage vom Rogen zum Hån ist am Ufer mit 2 Steinmännchen markiert. Die Koordinaten lauten:
x – Wert         6917707
y – Wert         1324728
Koordinatensystem:  Schwedengitter
RT 90

Das Ufer des Rogen ist von einem schmalen Streifen Fjällbirken gesäumt. Erst einmal steige ich aus dem Boot und erkunde das Terrain, um den besten Ausstieg zu finden. Gleich hinter den Birken beginnt eine weite, ansteigende Sumpffläche (schwed. Sankmark). Ein paar Schritte vom Ufer und ich versinke knöcheltief im Morast. Na, das kann ja heiter werden. Der in 400 – 500 m Entfernung stehende Fjällwald aus Kiefern zeigt das voraussichtliche Ende des Sumpfgebietes an. Bis dahin müssen wir aber erstmal kommen. Nach einigen Metern finden wir auch den Portagepfad, der anfangs nicht eindeutig auszumachen war. Zum Glück hat es eine Weile nicht geregnet. Der Untergrund ist ziemlich weich und das Vorwärtskommen dadurch beschwerlich. Aber es ist sichtbar, dass andere vor uns viel tiefer im Sumpf versackt sein müssen. Die erste Gepäckrunde machen wir mit den Hunden und den Packsäcken. Nach ca. 500 m, als wir den Fjällwald erreichen, wird der Pfad fest und ebener. Bis zum Hån ist es jedoch noch einmal so weit. Am Hån angekommen binden wir die Hunde an, atmen kurz durch und auf geht’s zur zweiten Runde. Jetzt sind die zwei 30 l Packtonnen dran, die ich mit einem eigens dafür konstruierten Tragegestell von meinem Freund Frank, in einem Gang transportieren kann. Bis zur Waldkante schleppe ich die Tonnen, von da an muss sie Karin einzeln tragen. Vom Himmel kommt ein Grummeln zu uns herunter und die Wolken haben sich schon ziemlich dunkel gefärbt. Das spornt uns zur Eile an, denn der Ort ist nicht besonders gastlich, um hier abzuwettern. Reife Moltebeeren stehen im Sumpf. Wegen des sich ankündigenden Wetters lassen wir die schmackhaften Beeren da wo sie sind.

Moltebeere

Auf der letzten Portagerunde ist das Kanu an der Reihe. Um mit der Last auf den Schultern nicht zu tief einzusinken, ziehe ich es zunächst ein Stück über den Sumpfboden. Bald gebe ich diese Methode auf. Es war eine schlechte Idee, denn der Reibungswiderstand ist ziemlich groß und dazu geht es auch noch bergauf. Also das Boot auf die Schultern gepackt und ab geht’s. In solchen Situationen zahlt sich das geringe Gewicht des Kanus aus, dessen Rumpf aus einer Karbon – Kevlar – Faser besteht. Trotzdem muss ich auf dem Sumpfpfad alle 80 – 100 m pausieren und pumpe jedes Mal wie ein Maikäfer. Kleine markante Geländepunkte sind meine Etappenziele. Noch bis zu diesem Moderloch, noch bis zu dieser Dürrkiefer usw.. In den kurzen Pausen beruhigt sich mein Puls zwar relativ schnell, aber meine Kondition ist nicht mehr die von vor ein paar Jahren.
In einer der Pausen wende ich meinen Blick noch einmal zum Rogen. Ich sehe eine Paddelgruppe aus 6 Kanadiern. In Seelängsrichtung zieht sie mitten auf dem Rogen ihre Bahn. Die Boote sind mindestens einen Kilometer vom Ufer entfernt und das bei Aufzug dunkler Gewitterwolken, denen sie direkt entgegen paddeln. Alle möglichen Gedanken gehen mir beim Anblick der Paddelgruppe durch den Kopf. Ist das nun Unbedarftheit von Nichtwissenden oder handelt es sich eher um grobe Fahrlässigkeit?
Irgendwann komme ich tatsächlich an der Waldkante an. Von da an hilft mir Karin beim Tragen des Kanadiers bis zum Ufer des Hån. Unsere Hunde sitzen immer noch brav an ihrem Platz und warten geduldig auf ihre Rudelführer.
Auf dieser Portage hat jeder von uns etwa 4 km zurückgelegt. Im Vergleich mit den Portagen der Voyageure auf den Kanuruten der kanadischen Flüsse und Seen ist das zwar ein Klacks, aber anstrengend war’s trotzdem. Schließlich haben wir die Strecke in rekordverdächtiger Zeit absolviert.
Erst jetzt sehen wir, dass das Ufer des Hån an dieser Stelle sehr flach und sumpfig ist. Mit einem voll beladenen Boot sind hier der Einstieg und das Ablegen unmöglich. Unweigerlich würden wir im Morast stecken bleiben. Nur mit dem Gepäck im Kanadier versuche ich es erstmal allein. Das Paddel fungiert mehr als Stackstange, aber ich bekomme genügend Wasser unter den Kiel und paddele dem Ufer folgend an eine für Karin und die Hunde günstigere Einstiegstelle. Bei diesem Manöver kloppe ich mir im steinigen Seegrund einen Zeh blutig. Egal, das gehört dazu. Auf alle Fälle hätten sich bei den vielen Ein- und Ausstiegen an den steinigen Ufern der Seen sowie den vielen Portagen Mukluks mit hohem Schaft aus Neopren sehr gut bewährt. Leider waren für uns diese Dinger aus Übersee kurzfristig nicht mehr zu besorgen.
Über sehr flache Seeabschnitte des Hån erreichen wir nach kurzer Strecke den Ausstieg und die letzte Portage zum Käringsjön. Die ersten Regentropfen fallen vom Himmel, jedoch sehr verhalten. Der Blick nach oben zeigt uns, dass wir wohl auch nicht viel mehr als dieses vor sich her Tröpfeln zu erwarten haben. Verglichen mit der vorangegangenen Portage ist diese ein „Kinderspiel“. Zunächst geht’s 100 m über eine Hügel, dann etwa 80 m über trockenen Sumpfboden und zum Abschluss 150 m auf steinigem Pfad.

letzte_Portage

Gerade als wir das Kanu beladen wollen, tauchen im Fjällbirkenwald Rentiere auf. So haben wir zum Ende der Tour doch noch „Anblick“, wie das Erblicken von Wild in der Weidmannssprache genannt wird. Dieses Mal bin aber nicht ich der Jäger, sondern Karin mit dem Fotoapparat. Mit unseren Hunden geht der Jagdinstinkt durch, besonders bei der Laika-Hündin. Stunden auf einen Hund zu warten, der Rentiere durchs Fjäll jagt, das wäre jetzt zum Schluss die Krönung. Wer hier mit Hunden unterwegs ist, muss ständig mit solchen Begegnungen rechnen und vorbereitet sein, d.h. immer sicher vertäuen.

Rentiere_kreuzen_den_Trail


Die letzte Seeüberquerung auf dem Käringsjön steht an. Das Ziel zieht wie ein Magnet, vor allem wegen der Motivation unser kleines Abenteuer zu einem erfolgreichen Ende zu bringen.
„Wir haben es geschafft!“ Glücklich erreichen wir am frühen Nachmittag die Anlegestelle am Käringsjön Gård. Wie am Ende jeder Paddeltour, sind wir natürlich auch ein bisschen stolz. Unsere Vorbereitung war gut, es gab keine Zwischenfälle und viele, viele unvergessliche Erlebnisse. Prädikat „unbedingt empfehlenswert“.

geschafft

Wir sortieren die Ausrüstung, beladen das Auto und fahren noch 230 km bis nach Älvdalen am Österdalälven in Dalarna. Der Urlaub ist noch nicht vorbei, aber die Erlebnisse der Rogentour sind wohl kaum mehr zu toppen.

zum Fotoalbum

(Touren)

 

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