Text: Peter Peuker

Fotos: Peter Peuker und Joachim Pollex

Vorab ein Videotrailer zu unserer Tour im September 2011:

Nur 162 km ist die Oder auf ihrem 866 Kilometer langen Weg von der Quelle bis zur Mündung Grenzfluss zwischen Polen und Deutschland. Viele Veränderungen hat der Fluss in den letzten Jahrhunderten hier erfahren. Preußens König, Friedrich II. ( auch Friedrich der Große oder Alter Fritz ), hat das Flussbett auf einem 19 km langen Teilstück verlegen lassen, um so das Binnendelta der Oder ( Oderbruch ) für die Landgewinnung trocken legen zu können.
Dennoch hat die Landschaft links und rechts an der Oder eine gewisse Ursprünglichkeit behalten. Klar, es ist eine in unserem Sinne geprägte Kulturlandschaft. Aber es gibt viel Freiräume und eine für Mitteleuropa verhältnismäßig geringe Zersiedlung der Landschaft.

Landschaften an der Oder:


Auch folgenreiche bis in unsere Zeit spürbare Geschichte hat sich an diesem Flussabschnitt ereignet. Am Weg unserer Tour liegen mehrere dieser historischen Plätze. So z.B. Kunersdorf (pl. Kunowice ) und Seelow. Am 12. August 1759 trafen bei Kunersdorf, im Verlauf des Siebenjährigen Krieges, die Armeen Preußens und Russlands-Habsburgs auf einander. Über 35.000 Tote und Verletzte forderte die „Schlacht bei Kunersdorf“. Die Rote Armee leitete zum Ende des II. Weltkriegs, im April 1945, an den Hängen der Seelower Höhen den Sturm auf Berlin ein. Mehr als 45.000 Russen und Deutsche fielen hier in den 4 Tagen dauernden Kämpfen.


An einem Freitag im September startet das tourenbewehrte Team, Joachim, Peter und Hund Dsacha, mit dem Kanu in Lebus. Die flotte Strömung der Oder trägt uns schnell vom Ort fort. Viele Paddelkilometer können wir nicht zurücklegen, da jetzt Ende September, nach der Tagundnachtgleiche, die Sonne bereits kurz vor 19:00 Uhr untergeht. Eine Landzunge auf deutscher Seite bietet uns ein „aussichtsreiches“ Plätzchen. Auf die Anwesenheit von Bibern deuten kräftig ausgetretene Wechsel und die typischen Schleifspuren des breiten und schweren Biberschwanzes im weichen Sand des Ufers hin. Im Oderbruch wird der Bestand gegenwärtig auf 500 Exemplare des Elbe Bibers ( Fiber castor albicu) geschätzt. In ganz Brandenburg gibt es etwa 2.200 Tiere, das sind immerhin ? des Gesamtbestandes dieser Unterart des Europäischen Bibers.
Nachdem das Camp eingerichtet ist, bereitet Joachim uns zum Abendbrot ein schmackhaftes Gulasch. Lagerfeuer, Rotwein und ein sagenhaft sternenklarer Nachthimmel beenden den ersten Paddeltag.


Der nächste Tag beginnt mit Nebelschleiern über Fluss und Land. Aber darüber strahlt die aufgehende Sonne am blauen Himmel. Heute haben wir uns einiges an Paddelstrecke vorgenommen. Zwischen Start in Lebus und dem Ziel Sonntagmittag in Schiffmühle liegen gut 74 Kilometer von denen wir erst vier, durch den verspäteten Start vom Vortag, bewältigt haben.
Die Oder ist bis zum Zufluss der Warthe bei Küstrin ca. 150 – 200 m breit und fließt i.M. mit 3- 4 km/h. So sind wir zunächst mit dem Kanu ohne besonders viel Mühe mit 10 km in der Stunde unterwegs. Gegen Mittag erreichen wir Kostrzyn nad Odra (dt. Küstrin ). Auch diese Stadt hat eine bewegte Geschichte. So wurde im Küstriner Schloss der preußische Kronprinz Friedrich (später König Friedrich II.) n ach seinem Fluchtversuch aus Preußen von 1730 – 1732 inhaftiert. Am 6. November 1730 wurde Friedrichs Jugendfreund und Fluchthelfer Hans Hermann von Katte vor dessen Augen auf der Bastion Brandenburg in Küstrin enthauptet. Friedrichs Vater, Wilhelm I. von Preußen, wollte damit den Widerstand seines Sohnes brechen, ihn zwingen die Autorität und Macht des Vaters und sein „königliches Schicksal“ anzuerkennen. Im Ergebnis des II. Weltkrieges wurde auch Küstrin weitestgehend zerstört.


alte Befestigung von Küstrin


Nach dem Zufluss der Warthe wird die Oder etwas breiter. Auf deutscher Seite erstreckt sich die weite Ebene des Oderbruchs. Das Bruch ist geprägt von Grünland und Ackerflächen. Im Wechsel mit Weichholzauen, Schilfpartien, Baumreihen und Gebüschen sowie zahlreiche Flussaltarmen. Dadurch ist in den Jahrhunderten die unverwechselbare Oderbruchlandschaft entstanden. Auch die polnische Seite ist durch die Landwirtschaft geprägt. Mit Wald bestandene eiszeitliche Höhenzüge erstrecken sich aber immer wieder bis dicht an den Fluss.
Nach 30 Paddelkilometern machen wir Mittagsrast in Polen und nach weiteren 10 Kilometern Kaffeepause in Groß Neuendorf in Deutschland.


Nach 47 Tageskilometern passieren wir Gozdowice (dt. Güstebiese ). Hier wurde im Oktober 2007 der seit 62 Jahren stillgelegte Fährbetrieb über die Oder mit einem motorisierten Raddampfer wieder aufgenommen. Drei Kilometer weiter finden wir auf einem erhöhten Uferabschnitt einen herrlichen Platz zum Campen auf der polnischen Seite. Der Abend belohnt uns mit Sonnenuntergangshimmelsbeleuchtung und dem Röhren der Rothirsche zur Brunft aus dem nahegelegenen Wald. Ein perfekter Tag!


Besuch!

Der Sonntag beginnt in Sachen Wetter wie der Samstag. Also bestens. Wir kommen an Zollbrücke vorbei. Hier gibt es u.a. eine Deichscharte, ein Gasthaus mit super Küche und seit 1998 das „Theater am Rand“. Wir lassen aber Zollbrücke links liegen und paddeln weiter stromabwärts. Polnische Angler und deutsche Wanderer winken uns dies-und jenseits der Flussufer zu. Kurz vor Flusskilometer 660 kommt die Portage über den Oderdeich ins Hinterland. Über den Laufgraben und Stille Oder erreichen wir nach 74 Flusskilometern unser Tourenziel Schiffmühle. Wir waren auf schrankenlosen Pfaden im Grenzland unterwegs.


auf dem Oderdeich während der Portage


auf dem Laufgraben zur Stillen Oder und nach Schiffmühle


eine besondere Baustelle