von Peter Peuker

In der Mitte Skandinaviens liegt eine Landschaft, die die höchstgelegene und eine der wildesten Schwedens ist. Dort, an der Grenze zu Norwegen, befinden sich die höchsten Fjälls unterhalb des Polarkreises und Schwedens südlichster Gletscher, der Helags. In den riesigen Wäldern, die zum Teil noch eine echte Wildnis sind, gibt es eine große Braunbärenpopulation. Begegnungen mit Meister Petz sind da also nicht so unwahrscheinlich. Diese Landschaft heißt Härjedalen, hat die Flächengröße des Bundeslandes Sachsen und so viel Einwohner wie eine deutsche Kleinstadt, nämlich 20.000. Hier lebt pro km² nur ein Mensch. Härjedalen ist dünner besiedelt als Lappland.2
Auf unseren Reisen durch Schweden haben wir dort mehrfach Station gemacht. Die Gegend um das Örtchen Ljungdalen im Nordwesten von Härjedalen, unweit des Fjällmassivs mit den Gipfeln Helags (1796 m ü. NN) und Predigtstolen (1682 m ü. NN), gefällt uns besonders gut. Ljungdalen liegt abseits großer Touristenrouten und ist mit dem Auto nur über zwei Straßen erreichbar. Aus südlicher Richtung von Funäsdalen (Reichsstraße 84) auf der Straße Nr. 531 über die Hochfläche „Flatruet“. Die Flatruet erreicht am höchsten Punkt 975 ü. NN, ist damit Schwedens höchstgelegene Straße und im Winter wegen den Schneeverhältnissen zeitweise geschlossen. Von Osten gelangt man von der Reichsstraße 45 (Inlandsvägen) kommend auf der Straße 535 bei Åsarna über Storsjö nach Ljungdalen. Beide Straßen sind gänzlich bzw. teilweise als Schotterpisten ausgebaut. Also echte Erlebniswege für alle Schwedenfans.1

(Aktualisierung 07.10.2007: Seit 2007 ist die Straße 535 bis Storsjö durchgängig asphaltiert worden. Der Abschnitt Storsjö - Ljungdalen soll 2008 entsprechend ausgebaut werden.)
Zahlreiche Möglichkeiten zum Wildcampen bieten sich im Bereich der Straße von Åsarna bis Storsjö an. Dort besteht immer wieder Kontakt zum Fluss Ljungan und einigen Seen. Einen offiziellen Campingplatz gibt es direkt im Ort Ljungdalen. Dieser ist nach unserer Meinung nur für einen Kurzaufenthalt oder als Basiscamp für Touren in die nahen Fjällregionen geeignet. Das Fischcamp westlich vom Örtchen Storsjö bietet ebenfalls eine Campingmöglichkeit. Die kleine eher bescheiden ausfallende Stellfläche für Zelte hat einen Windschutz mit Feuerstelle und Blick auf den großen Storsjön. Im Fischcamp gibt es in mitten der Waldwildnis ein nett eingerichtetes Pub, in dem sich abends die Fliegenfischer ihre Angelabenteuer des Tages erzählen. Wer es eher bequem haben möchte oder nach den vielen Zeltnächten auf der Isomatte mal wieder in einem richtigen Bett schlafen will, kann eine der Hütten oder im Annex ein Zimmer mieten. Nach langer Autofahrt von Lappland kommend, gegen 23 Uhr, total k.o. und nur 3°C Lufttemperatur Mitte Juli, waren wir froh und hatten Glück im Fischcamp noch ein freies Zimmer zu bekommen. Eine rechtzeitige Reservierung ist ansonsten unbedingt erforderlich (www.storsjo.com).
32005 verbrachten wir eine Woche in einem gemütlichen Blockhaus, der Björkstugan, auf dem Åslunds Fjällgård. Hier rauscht auf der einen Seite der Ljungan auf der anderen erhebt sich die Fjällwelt um den Helags. Mit dem Vermieter Kurt Åslund haben wir schnell Freundschaft geschlossen und seine nette, gelassene, hilfsbereite Art schätzen gelernt. Mit unserer Tochter hat Kurt Anfang Juli (!) einen kostenlosen Snowboard-Kurs am Torkilstöten durchgeführt. Auf der Web-Seite www.ljungdalen.com findet man unter „Bo“ (= wohnen, im Sinne von Quartier) einen Link zu „Åslunds Fjällgård“.
Durch Kurt lernten wir auch Herbert kennen. Er ist ein Südtiroler Original. Schon viele Jahre ist Herbert vom Nordlandfieber infiziert. Irgendwann hat er sich dazu entschlossen, hier oben eine Hütte zu kaufen. Im Fjäll wohnt er viele Monate im Jahr allein. Seine Nachbarn sind Elche, Rentiere, Bären und Kurt.
Weitere Auskünfte zur Hüttenmiete gibt es auch in der Touristinformation in Ljungdalen oder unter der o.g. Internetadresse.
Abenteurern bietet das Gebiet viele Möglichkeiten für Outdooraktivitäten. 6
Ausgangspunkt für Fjälltouren kann Kläppen, ca. 6 km nordwestlich von Ljungdalen sein. Dort gibt es einen gebührenpflichtigen Parkplatz. Die Helagsstugorna, (Helagshütte) unmittelbar am Fuß des Helagsgipfels, ist etwa 12 km entfernt. Hier gelangt der Fernwanderer auch auf den südlichen Teil des Kungsleden (Königspfad), Schwedens bekannter über 700 km langer Northtrail. Wir haben einige Tageswanderungen z.B. zum Öjön, ein See im Fjäll mit vielen Inseln, unternommen. Am südlichen Ufer des Storsjön befindet sich der einsam gelegene Kvarnbäcksfallet (Mühlenbachwasserfall) mit einem steilen Auf- und Abstieg und Endpunkt hoch über dem See sowie Fjällpanorama. Achtung! Hier besonders auf die Kinder aufpassen.
Paddeltouren bieten sich auf dem großen Storsjön an. Nicht zu verwechseln mit dem riesigen Storsjön bei Östersund. Dort sind kurze Touren aber auch Mehrtagestouren machbar. Am westlichen Ende des Sees gibt es ein Vogelschutzgebiet. Der Zufluss des Ljungan in den Storsjön bildet hier ein Delta mit Buchten, Inseln und Flachwasserzonen. Von der Schotterpiste, gleich hinter Storsjö in Richtung Ljungdalen, steht mitten im Busch ein Vogelbeobachtungsturm (fågeltorn) für dieses Gebiet. Ein sehr informative Seite über Ljungdalen und Umgebung ist auch www.ljungdalen-info.de. .
Tierbeobachtungen vom Kanu sind ideal, weil es ein lautloses Pirschen auf dem Wasser ermöglicht. 5Dafür biete sich der Nedre Skärvagen an. Ein kleiner See im Fjäll mit Blick auf die schneebedeckten Gipfel. Am südwestlichen Ufer fließt der Skärvagsån in den See ein, den man ein Stück flussaufwärts paddeln kann. Hier gibt es Biber und gleich zu Beginn eine ziemlich große Biberburg, bei der man unter Wasser den Eingang sehr gut sehen kann. Die großen Fische, die am Grund das klare Wasser durchschwimmen, lassen das Angelfieber ausbrechen. Der das Gewässer umgebende lockere Fjällbaumbestand aus Fichten, Kiefern und Birken bietet eine gute Sicht zur Beobachtung von Rentier und Elch. Zum See gelangt man von Ljungdalen in Richtung Flatruet. Nach etwa 5 km wird Skärkdalen erreicht. Vor der Brücke rechts nach Skärvagsvallens fritidsområde abbiegen und noch 2 km bis links der See zu sehen ist. Wer kein eigenes Kanu hat, kann eins im Storsjö Fischcamp mieten. Paddeltouren auf dem Ljungan sind ab dem Storsjön auch möglich, jedoch haben wir darüber keine Erfahrungen.
Wer Informationen benötigt findet einiges unter www.kanotguiden.com oder erkundigt sich bei den Guides im Fischcamp.
Begegnungen mit Wildtieren sind oft unerwartet und überraschend. Im Sommer 2004 kommen wir von Lappland und sind auf dem Inlandsvägen nach Süden unterwegs. Kurz vor Åsarna passieren wir den Wegweiser nach Storsjö und Ljungdalen. Der Entschluss kommt spontan. Wir biegen rechts ab. Es ist schon nach 20 Uhr und an der Zeit nach einem Stellplatz für die Nacht Ausschau zu halten. Die eine oder andere schöne Stelle haben wir schon in Augenschein genommen. Können uns aber nicht entschließen, denn vielleicht kommt ja noch eine bessere. Je weiter wir in Richtung Westen fahren umso einsamer wird es. Viele Kilometer keine Ortschaft, kein Haus. Nur Wald, Wald, Wald. Es ist merklich kühler geworden. Und plötzlich, wir trauen unseren Augen nicht. Wie auf Kommando rufen wir zeitgleich: „Ein Bär!“. Mit riesigen Sätzen überquert ein Braunbär von links nach rechts die Straße und verschwindet auf der anderen Seite im dichten Waldbestand aus jungen Kiefern und Birken. Jetzt heißt es schnell rechts ran, den Fotoapparat vom Rücksitz geschnappt und raus aus dem Auto. 4Gespannt und mit erhöhtem Puls pirschen wir an der Waldkante entlang in der Hoffnung, der Bär zeigt sich noch einmal. Im Dickicht, an der Stelle wo er verschwunden ist hören wir ein leises Knacken. Jetzt heißt es stehen bleiben, Luft anhalten und Ruhe. Wir warten ab. Es bleibt still. Eine Weile lauschen wir noch. Nichts tut sich. Der Bär ist weiter gezogen. Im nächsten Augenblick sind wir enttäuscht, dass es mit dem Foto nicht geklappt hat. Dann überkommt uns aber ein Glücksgefühl und wir sind total aufgedreht. Wir haben unseren ersten echten wilden Braunbär gesehen. Die Müdigkeit ist verflogen. Wir fahren weiter bis Storsjö und hoffen noch ein freies warmes Zimmer im Fischcamp zu bekommen. Spät treffen wir dort ein und haben Glück.
„Vi har ser en björn.“

(Touren)